18.01.2008

Kinder nicht um Gott betrügen

Anstiftungen für Mütter und Väter

Kinder fragen nicht erst, was sie fragen dürfen; sie sind religiöse Menschen von innen heraus, sonst könnten sie uns mit ihren Fragen und Aussagen nicht an den Rand unserer Denkvorstellungen treiben:

Kinder nicht um Gott betrügenWo war ich eigentlich, als ich noch nicht da war?“
„Wie geht das, dass ich weiß, dass ich bin?“ (4 Jahre)
„Gibt es in der Luft noch eine Welt und unter dem Boden, wenn man tief gräbt, auch eine Welt?“
„Glaubt die Katze, dass Gott aussieht wie eine Katze?“
„Wer macht die Tage, und wann sind sie alle?“
„Irgendeiner muss doch den Anfang gemacht haben. Aber wer?“
„Papa, weißt Du, was ich mir eigentlich gar nicht vorstellen kann?“ - „Na was?“ - „Dass es Gott gibt.“
„Mutti, ich finde es gar nicht schön, dass ich geboren bin und dass ich vielleicht lange leben muss.“ (5 Jahre)
„Wenn ich tot bin, bin ich dann noch ganz?“ (3 Jahre)
„Ist Gott ein Mensch oder eine Frau oder beides?“ (8 Jahre)
„Ich weiß gar nicht, warum es die Welt gibt.“ (5 Jahre)
„Wozu sind die Menschen eigentlich da? Sag mal, wozu?“
(aus: Albert Biesinger, Kinder nicht um Gott betrügen, Anstiftungen für Mütter und Väter, Freiburg, 142007, S. 27.)

Solche Fragen von Kindern sind nicht etwa angelernt oder von außen beigebracht. Sie sind vielmehr ursprüngliche Themen, die Kinder beschäftigen und die üblichen Schemata sprengen.

Kinder machen sich Vorstellungen von Gott. Peruanische Kinder sagten mir, dass Gott dunkle Haare und braune Haut habe und er so aussehe wie sie.

Kinder sind nicht auf das Leben und Sterben vorbereitet, wenn ihnen Eltern nicht die Beziehung zu Gott erschließen.

Die These meines Buches „Kinder nicht um Gott betrügen“ ist ein Aufschrei in die derzeitige gesellschaftliche Situation hinein, in der es für Eltern immer wichtiger wird, ihren Kindern frühzeitig Ballettunterricht, musikalische Früherziehung und mehrere Sportarten zu ermöglichen. Eltern sehen sich diesbezüglich schon geradezu unter einem gesellschaftlichen Leistungsdruck: 'Gute Eltern tun das einfach für ihre Kinder!'.

Eltern wollen in der Regel für ihre Kinder das Beste. Umso erstaunlicher ist es, dass eine große Gruppe von Eltern ihre Kinder um die Beziehung mit Gott betrügt.

Die Tatsache, dass wir heute mit unseren Möglichkeiten Gott und die ganz andere Dimension Gottes empirisch nicht nachweisen können, sagt nichts darüber aus, ob es Gott gibt oder nicht gibt. Vor 300 Jahren hat man Gene auch noch nicht nachweisen können – und dennoch hat es sie immer gegeben.

„Kinder nicht um Gott betrügen“ – Diese Provokation schließt auch ein, Kindern keine angstmachenden Gottesbilder zu vermitteln. Es ist streng verboten, Kindern Angst vor Gott zu machen! Die im Neuen Testament beschriebene Begegnung Jesu mit den Kindern spricht eine klare, eindringliche Sprache.

Auch an Eltern, die selbst nicht glauben können, ist die Provokation zu richten: Warum entscheiden Sie über den religiösen Weg ihres Kindes? Lassen Sie ihrem Kind wenigstens so viel pädagogischen Spielraum, dass es auch die Alternativen zu ihrem eigenen Lebensentwurf kennen lernen und sich dann eines Tages selbst entscheiden kann. Wer sein Kind religiös erzieht, muss ihm letztlich auch die Möglichkeit geben, sich selbst für oder gegen Gott zu entscheiden. Wenn Kinder die Gottesdimension von vorne herein gar nicht kennen lernen dürfen, werden ihnen alternative Sinnentwürfe vorenthalten.

Die Beziehung zu Gott ist keine Leistung. Sie ist eine Gabe, ein unverdientes Geschenk von Gott her. Sie ist aber auch eine Aufgabe, die gelebt werden kann – ohne Druck und moralische Aufforderung. Wer sich nämlich als Vater oder Mutter mit seinen Kindern auf die Beziehung mit Gott einlässt, dem kommt etwas zu, was er oder sie selber nicht leisten muss. Es wird der Vorhang für ein Leben geöffnet, das niemand anderer zusagen kann als Gott selbst, der es gut meint mit unserem Leben.

Gerade für Eltern, die sich auf dem Gebiet der religiösen Erziehung wenig zutrauen, gibt es einige praktikable Möglichkeiten, die von heute auf morgen in einer Familie realisiert werden können:

  • Vor dem Essen ist es eine Geste der Dankbarkeit und der Kommunikation, wenn wir gemeinsam mit den Kindern beten. Dies kann bereits anfangen, wenn das Kind im Hochstuhl mit am Tisch sitzt. Als Gebet eignet sich etwa:
    Jedes Tierlein hat sein Essen, jede Pflanze trinkt von Dir,
    hast auch unser nicht vergessen, lieber Gott wir danken Dir.
    Nach dem Gebet reichen sich alle, die am Tisch sitzen, die Hände. Für Kinder ist das sehr beeindruckend, und sie lernen, dass Essen etwas mit Gemeinschaft untereinander und Gemeinschaft mit Gott zu tun hat.
  • Am Ende des Tages sollten Kinder nicht einfach ins Bett geschickt werden. Es ist ganz leicht, gemeinsam mit ihnen einen „Abendritus“ zu entwickeln. Vater oder Mutter – wobei die Väter auf diesem Gebiet viel an Beziehungsdichte zu ihren Kindern gewinnen, wenn sie sich darauf einlassen – setzen sich an das Bett des Kindes und gehen mit dem Kind noch einmal den Tag durch, besprechen möglicherweise offene Konflikte, danken gemeinsam Gott für das, was schön war an diesem Tag oder legen Gott das in die Hände, was belastend oder traurig war, etwa wenn jemand in der Familie krank ist. Man kann diese Geschichte des Tages auch in ein einfaches Gebet bringen. Unsere damals 5-jährige Ingrid hat nach einem solchen Gespräch einmal spontan gebetet:

    „Lieber Gott, heute war es gar nicht schön. Der Moriz hat mich nämlich gehaut. Dann habe ich ihn auch gehaut. Schlaf gut lieber Gott“.
    Nach diesem Gebet haben wir noch lange über ihren Konflikt mit Moriz gesprochen, der sich rasch wieder aufgelöst hat.

Mit der Zeit können sich auch andere Gebete entwickeln, die das Kind von selbst lernen möchte. So hat Ingrid mit 7 Jahren von selbst das „Vater Unser“ angefangen zu beten, ist dann aber hängen geblieben, weil sie nicht mehr weiter wusste. Sie wollte dann einige Abende nur das „Vater Unser“ beten und hat es dann so gelernt.

Der Vorschlag, der Abendritus ist nicht einfach ein Abendgebet, das heruntergebetet wird. Vielmehr wird das gesamte Leben und die Kommunikation des abgelaufenen Tages abgerundet und mündet ein in Versöhnung, innere Ruhe und Geborgenheit, die Kinder am Beginn der Nacht ganz besonders brauchen.

Autor: Albert Biesinger, Professor für Religionspädagogik an der Universität Tübingen  
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